5 Fragen an:

Dr. Heinz Lehmeier, Leiter des Pädagogischen Institutes München

Das Pädagogische Institut (PI) München ist ein eigenverantwortliches Kompetenzzentrum im Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt München. Als solches ist das PI Unterstützungssystem und Impulsgeber für eine nachhaltige Bildungsarbeit sowie Kooperationspartner in regionalen und in europaweiten Projekten; mit dem strategischen Ziel, mehr Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen.

Dr. Heinz Lehmeier, leitet das Pädagogische Institut und ihm liegt besonders die enge Verknüpfung von Theoriebildung, Praxis und Forschung am Herzen. Daher war Dr. Lehmeier von dem Projekt Lehr:werkstatt der Eberhard von Kuenheim Stiftung von Anfang an begeistert. Seit dem Projektstart im Jahr 2012 ist das Pädagogische Institut ein wertvoller Kooperationspartner und Unterstützer der Lehr:werkstatt München. Zeit für fünf Fragen, die in die Zukunft zielen:


1. Dr. Lehmeier, im kommenden Jahr haben Sie die Leitung des Pädagogischen Instituts (PI) in München seit einem Jahrzehnt inne. Was hat sich in diesem Zeitraum in der Lehrerbildung und in der Schulentwicklung im Wesentlichen verändert?

Einerseits ist es ein Stück selbstverständlicher geworden, Schule als lernende Organisation zu begreifen. Andererseits bleiben eine Reihe von Widersprüchen ungeklärt: Wie vereinbaren wir den Anspruch der Autonomie von Schule mit zunehmenden Top-down-Steuerungsansprüchen? Wie setzen wir Leistungsstandards und kompetenzorientierten Unterricht um, ohne dabei die Aufgabe einer umfassenden Bildung auf das Nützliche zu reduzieren? Strategisch dient die Arbeit des Pädagogischen Instituts dem Ziel, mehr Bildungsgerechtigkeit einzulösen. Entsprechend konzentrieren wir unsere Arbeit in den kommenden Jahren auf die Themen inklusiver Pädagogik und die Unterstützung von Erziehungs- und Lehrkräften bei deren Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die flüchten mussten. Dabei setzen wir abhängig von den konkreten Fortbildungszielen und –Inhalten auf die gesamte Palette möglicher Formate, wie zentrale Veranstaltungen, Inhouse-Seminare, Coaching/Supervision, Prozessbegleitung oder Projekte.


2. Momentan stehen in Bayern die Schulen und speziell die Lehrkräfte durch die Flüchtlingsströme vor großen Herausforderungen. Welche Maßnahmen müssen heute konkret in den Schulen umgesetzt werden, um dieser Situation erfolgreich begegnen zu können und bietet diese Situation auch Chancen für die klassische Lehrerbildung?

Die Chance liegt darin, konsequent und orientiert über die Ergebnisse der aktuellen Wirksamkeitsforschung, wie sie zum Beispiel John Hattie betreibt, der Frage nachzugehen, wie wir kompetent einen respektvollen Umgang mit Unterschiedlichkeit in der Förderung von Lernen und Bildung realisieren können. Das wird nur gelingen, wenn wir die lange bestehende Erkenntnis, dass es sich bei der Pädagogik um eine Praxiswissenschaft handelt, endlich auch praktisch umsetzen. Das Projekt Lehr:werkstatt bietet hierzu ein überzeugendes Beispiel. Aus den Erfahrungen des Projekts müssten tatsächliche Konsequenzen für die Verzahnung von Theoriebildung, Praxis und Forschung abgeleitet werden. Ich merke, wie ich mir halb-ironisch zulächle, während ich diesen Satz formuliere. Der Anspruch begleitet mich nun seit mehr als 30 Jahren Berufspraxis an verschiedenen Stellen im Bildungssystem: Lasst es uns endlich tun!


3. Werden heute und in Zukunft auch externe Partner benötigt, um Impulse  für Schulentwicklungsprozesse und für die Ausbildung von Lehrkräften zu geben? Wo wird was konkret gebraucht?

In der dualen Ausbildung sind die Betriebe automatisch Partner bei allen Fragen der Gestaltung von Bildungs- und Ausbildungsprozessen. Der konkret gestaltete Blick von außen, das Zusammenwirken mit externen Einrichtungen birgt gleichwohl für alle Bildungseinrichtungen die Chance, durch eine unterschiedliche Sichtweise zu lernen, den Diskurs über Ziele, Werte, Inhalte und die Gestaltung von Bildungsprozessen offen zu halten. Schulen sollten weder zu Abbildern dessen werden, was sie umgibt, noch sollten sie sich gegenüber der Außenwelt abschotten. Es geht um die Beförderung eines offenen kritischen Diskurses.


4. Ein Beispiel guter Praxis einer solchen Kooperation ist die Lehr:werkstatt der Eberhard von Kuenheim Stiftung. Sie sind ein wichtiger  Unterstützer dieses Projektes. Was überzeugt Sie an der Lehr:werkstatt besonders?

Das Projekt fördert den Austausch zwischen der Praxis der Schulen und der Ausbildung an der Universität vorbildlich. Bereiche, die ansonsten eher getrennt voneinander agieren, öffnen sich und bilden so eine gemeinsame Erfahrungsbasis. Daraus entstehen Fragen, die helfen können, die Praxis der Beteiligten weiter zu entwickeln –im Interesse der Schülerinnen und Schüler. Das Pädagogische Institut unterstützt die gemeinsame Arbeit durch Fortbildungen nicht zuletzt auch deswegen: Weil wir dabei selbst Lernende sind, z.B. hinsichtlich der Angebote, die Lehrerinnen und Lehrer beim Einstieg in ihre Berufspraxis bestmöglich unterstützen können.


5. Wie würden Sie zusammenfassend Ihre Vision der Lehrerbildung skizzieren und was müsste heute unternommen werden, damit Ihre Vision der Lehrerbildung in Zukunft Wirklichkeit werden könnte?

Ausgangspunkt meiner Vision wäre, dass sich alle im Bildungssystem beteiligten Organisationen fragen, wie viel Prozent ihrer Arbeit unmittelbar der Förderung des Lernens und der Bildung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugute kommen. Und sollte der Prozentsatz bei selbstkritischer Betrachtung zu gering ausfallen, wäre die nächste Frage: Was hält uns davon ab, daran etwas zu ändern? Gleichermaßen müsste jede weitere Reform unter diesem Gesichtspunkt befragt werden: Dient sie unmittelbar der Einlösung von mehr Bildungsgerechtigkeit und welche Argumente können wir erfahrungswissenschaftlich und empirisch redlich dafür ins Feld führen? Wie viel unnötiges und hinderliches Geräusch hält uns systemisch betrachtet von der Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche ab, das Bildung erst möglich macht? Mit Albert Camus werde ich mich weiterhin bemühen, mir Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen.